Electrolux ist ein schwedischer Konzern für Haushaltsgeräte mit etwa 60.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von ca. 12,3 Milliarden Euro (2014). Bereits seit 1925 ist das Unternehmen in Deutschland aktiv und erwarb unter anderem im Jahr 1994 die Traditionsmarke AEG, die 1883 in Berlin als Deutsche Edison-Gesellschaft für angewandte Elektricität gegründet und wenige Jahre später in Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft (AEG) umbenannt wurde. Anfangs baute AEG unter anderem Lokomotiven, entwickelte aber auch die Technik, Töne und Musik auf Magnetbänder aufzeichnen zu können. Die deutsche Zentrale von Electrolux liegt heute in Nürnberg. Von hier aus werden Vertrieb und Verwaltung der verschiedenen Marken in Deutschland geleitet. Das Electrolux-Werk in Rothenburg ist das europäische Kompetenzzentrum für die Entwicklung und Produktion von hochwertigen Kochgeräten. Es produziert Herde, Öfen und Kochfelder für die Electrolux-Gruppe, die in viele Länder gehen. Außerdem ist hier eine der wichtigsten  Forschungseinrichtung angesiedelt. Wichtigste Marke des Konzerns – nicht nur in Deutschland – ist die Premiummarke AEG, die bei den Kunden immer noch sehr beliebt ist. Wie die Frauenzeitschrift Brigitte in ihrer letzten Kommunikationsanalyse ermittelte, ist AEG sogar die bekannteste und beliebteste Hausgerätemarke deutscher Frauen (Brigitte KA, 2012). Gerd Holl ist der Vorsitzende der Geschäftsführung der Electrolux Hausgeräte GmbH in Nürnberg. Das Business Lounge Magazin sprach mit ihm über die strategische Ausrichtung einer Traditionsmarke.

Auf dem Tablet kann man die Vorschritte in einem AEG-Backofen verfolgen

Auf dem Tablet kann man die Vorschritte in einem AEG-Backofen verfolgen

MAGAZIN: „Wie war Ihr Weg zu Electrolux?“

Gerd Holl: „Mich haben seit jeher die Produkte begeistert. Außerdem habe ich ein großes Faible fürs Kochen. Zuvor habe ich sehr lange bei einem japanischen Unternehmen gearbeitet. Im vergangenen Jahr bin ich angesprochen worden, die Tätigkeit bei Electrolux in Nürnberg als Geschäftsführer zu übernehmen. Die europäische Unternehmenskultur von Electrolux fand ich  sehr interessant und überzeugend. Bei den Gesprächen habe ich gemerkt, das passt gut zusammen.“

MAGAZIN: „Wie ist Ihr Führungsstil?“

Gerd Holl: „Mein Führungsstil ist sehr kooperativ, das heißt, ich möchte eine Kultur mit einem guten Miteinander schaffen. So entsteht auf einer horizontalen Ebene eine Kultur, bei der Ideen frei sind und wo man auch mal Fehler machen darf. Hier wird nicht einfach nur von oben nach unten durchgegeben.“

MAGAZIN: „Wie oft haben Sie Kontakt zu Ihren Mitarbeitern?“

Gerd Holl: „Natürlich jeden Tag – das ist auch Teil der schwedischen Unternehmenskultur. Bei uns sind die Hierarchien bis hoch zum CEO sehr flach. Es wird sich auch bei uns geduzt, das ist ein sehr enges und gutes Miteinander. Und ich denke, auch ich bin sehr nahbar.“

MAGAZIN: „Im Moment suchen viele Unternehmen händeringend nach Fachkräften. Wie ist die Situation bei Ihnen?“

KG8_6905bGerd Holl: „Wir haben Mitarbeiter, die sehr lange bei Electrolux und AEG tätig sind. In neuen Bereichen suchen wir gerade neue Mitarbeiter und stellen fest, dass Electrolux als Arbeitgeber attraktiv ist. Das liegt zum einen daran, dass das Unternehmen ein großer Konzern ist, zum anderen ist es für seine gute Personalentwicklung bekannt.“

MAGAZIN: „Es gab viele Veränderungen und Innovationen bei Electrolux. Wie schaffen Sie es, dass alle Mitarbeiter diesen Weg mitgehen?“

Gerd Holl: „Das ist eine sehr große Herausforderung, vor allem auch in unserem Traditionsunternehmen mit der langen Historie. Zu schaffen ist das letztendlich nur schrittweise, indem man mit der Kommunikation eine transparente Unternehmenskultur schafft. Darüber hinaus wollen wir auch junge Talente an uns zu binden.“

MAGAZIN: „Electrolux produziert auch in Deutschland. Ist ‚Made in Germany‘ denn noch gefragt?“

Gerd Holl: „Wir haben mit unserer Kochgerätefertigung in Rothenburg eines der größten Werke im Konzern für die Produktion von Großgeräten in Europa. Und durch modernen Produktionsanlagen sowie den hohen Automatisierungsgrad ist dieses Werk auch eines der produktivsten Werke in der Gruppe. Eine Produktion wie aus dem Bilderbuch! Dennoch meine ich, dass die Verbraucher in erster Linie auf Qualität und auf eine starke Marke schauen. Hier steht unsere Haupt- und Premiummarke AEG – und daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern – für herausragende technische und funktionale Leistung, durchdachte Detaillösungen und langlebige Qualität. Der Produktionsstandort dagegen ist für den größten Teil der Verbraucher eher zweitrangig geworden.“

MAGAZIN: „Würden Sie trotzdem sagen, dass der Standort Deutschland ein guter Standort ist?“

KG8_6913Gerd Holl: „Grundsätzlich ja, wobei immer die Frage ist, wie lohnintensiv eine Tätigkeit letztendlich ist. Natürlich gibt es Automatisierungsmöglichkeiten, wie z. B. im Kfz-Bereich, wo zu hohen Lohnkosten ein Top-Produkt produziert wird. Es geht aber auch um Themen, wie Qualität oder Ingenieurskunst und letztendlich auch darum, Produkte zu verbessern und eine höhere Effizienz zu schaffen. Darin ist Deutschland Spezialist – und das ist auch in unserem Unternehmen so. In Rothenburg sind rund 1.000 Mitarbeiter beschäftigt, darunter auch viele internationale Ingenieure. Dort wird für über 50 Länder der Erde produziert. Und das Ganze in einer sehr, sehr hohen Qualität; hier gibt es bei den Produkten die geringsten Beanstandungen. Rothenburg entwickelt sich jedes Jahr weiter und steht auch im Wettbewerb mit anderen Werken, aber wir können uns sehr gut durchsetzen. Wichtig ist für uns außerdem die Nähe zum Markt, denn die Macht geht immer mehr zum Endkunden. Deshalb haben wir die Werke dort, wo der größte Markt ist. Deutschland ist für den Electrolux-Konzern der drittgrößte Markt weltweit. Der größte Markt ist in den USA und der zweitgrößte in Brasilien.“

MAGAZIN: „Sie haben gerade gesagt, jetzt ist im Gegensatz zu früher der Endkunde im Fokus. Was hat sich konkret für Sie geändert?“

„Durch die Neuen Medien sind für uns ganz neue Möglichkeiten der Kommuni-kation mit unseren Kunden entstanden.“

Gerd Holl: „Wir haben erkannt, dass der Endkunde über die Kaufentscheidung logischerweise die Macht hat, und dass wir als Produktionsunternehmen unbedingt wissen müssen, was der Endkunde haben will. So gesehen ist die direkte Kommunikation und Kundenbindung zum Endkunden für uns essenziell, um erfolgreich zu sein. Die Herausforderung ist aber die Geschwindigkeit: Der Konsument kann sich in jeder Sekunde über das Internet oder via Smartphone über unsere Produkte informieren und diese vergleichen. So gesehen ist es für uns sehr wichtig, hier ordentlich Fahrt aufzunehmen und eine Bindung zum Endkunden herzustellen.“

MAGAZIN: „Wie wichtig sind die neuen Medien?“

Gerd Holl: „Sie haben eine sehr hohe Priorität für uns. Wir kommunizieren heute schon sehr stark über die sozialen Medien. Dies ist für uns mittlerweile Tagesgeschäft auf allen Ebenen – ob im Marketing oder im Vertrieb. Natürlich hat sich auch der Verbraucher stark verändert. Erfreulich für uns ist es, dass in Deutschland das Thema Kochen eine Renaissance erlebt hat und mittlerweile fast „sexy“ geworden ist. Das heißt, Rezepte zu „liken“ und auszuprobieren und dann das Ergebnis über Pinterest, Twitter oder Facebook zu teilen, ist ganz neu, das gab es vor zehn Jahren überhaupt nicht. Das macht uns natürlich Spaß, und hier haben wir natürlich das perfekte Produktangebot. Wir erfahren mehr, was der Kunde eigentlich will, und das ist aktuell der Hauptnutzen für uns aus der Kommunikation über digitale Medien.“

MAGAZIN: „Das heißt, Sie gestalten Herde immer mehr so, wie es der Endverbraucher gerne hätte?“

Gerd Holl: „So ist es. Bei all unseren Entwicklungen in unseren Laborzentren kommt kein Gerät auf den Markt, was nicht von einer großen Nutzergruppe ‚genehmigt‘ wurde.“
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MAGAZIN: „Ist es für Sie wichtig mehrere ‚Standbeine‘ zu haben?“

Gerd Holl: „Ja, wir konzentrieren uns in Deutschland auf zwei Hauptsegmente: Zum einen auf den Bereich ‚Geschmack‘, zu dem alle Aktivitäten etwa beim Kochen zählen und zum anderen auf ‚Pflege‘, das die Themen Waschen und Trocknen umfasst. Auch dies ist ein sehr emotionales Feld, denn es geht ja um die Pflege der Lieblingskleidungsstücke. Das sind unsere beiden wichtigsten Produktsegmente in Deutschland; in Europa haben wir noch ein drittes, das so genannte ‚Wellbeing‘, das alles beinhaltet, was mit Luft- und Wasserverbesserung zu tun hat. Dieses haben wir in Deutschland bisher aber noch nicht eingeführt.“

MAGAZIN: „Was halten Sie von der Energiewende, das betrifft ja auch einen Haushaltsgerätehersteller?“

Gerd Holl: „Wir haben als Konzern zum siebten Mal in Folge den Nachhaltigkeitspreis gewonnen. Für uns ist Energieeffizienz ein sehr wichtiges Thema, das wir nicht nur aus Marketingsicht sehen, sondern ernsthaft in alle unsere Prozesse aufnehmen – zum Beispiel beim CO2-Ausstoß in der Produktion. Unser Anspruch ist, der beste Haushaltsgerätehersteller der Welt zu werden, gemessen am Kunden, am Mitarbeiter, an Aktionären, aber auch am Planeten. Das heißt, wir machen unsere Aktionen im Bereich Nachhaltigkeit ganz klar messbar.“

MAGAZIN: „Ist Politik noch berechenbar für Sie?“

Gerd Holl: „Aktuell ist einiges in Bewegung, um es mal so auszudrücken. Man kann nicht jede Stimmung mitnehmen, die aktuell politisch passiert, man muss seinen eigenen Weg haben, der auch sehr langfristig ist.“

MAGAZIN: „Wie können Sie Familie und Beruf unter einen Hut bringen?“

KG8_6946Gerd Holl: „Das ist natürlich eine große Frage der Balance und eine ständige Herausforderung. Teilweise funktioniert das auch durch die neuen Medien, so bleibe ich mit meinen Kindern und meiner Ehefrau in Kontakt. Ansonsten muss ich auch mal abschalten und Beruf und Privatleben trennen. Eine skandinavische Firma hat ein sehr hohes Verständnis für das Familienleben. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dieses Verständnis gibt es so ausgeprägt in asiatischen Firmen nicht. Das ist auch für mich ein Grund gewesen, überhaupt zu Electrolux zu wechseln – dieses Verständnis für die privaten Belange der Mitarbeiter.“

MAGAZIN: „Gibt es etwas, was Sie auf die Palme bringt?“

Gerd Holl: „Ja natürlich, ich bin ein bisschen ungeduldig. Bei uns gibt es auch intern einige Meetings und wenn sich diese zu lange hinziehen, ärgert mich das schon sehr. Aber es liegt ja auch an mir als Geschäftsführer, eben dies zu ändern. Das ist dann meine Möglichkeit, eine andere Kultur in unserem Unternehmen zu schaffen.“

MAGAZIN: „Woher bekommen Sie die Kraft für den nächsten harten Arbeitstag?“

Gerd Holl: „Ich wohne in Nürnberg und versuche etwa durch einen Spaziergang Energie zu tanken. Wenn es geht, treibe ich auch Sport, um von den Herausforderungen im Berufsleben Abstand zu gewinnen.“

MAGAZIN: „Was glauben Sie, worauf müssen wir uns in den nächsten Jahren mit dem demografischen Wandel einstellen?“

Gerd Holl: „Ich denke, wir müssen uns auf einen Fachkräftemangel einstellen, was in gewissem Umfang mit einer weiteren Automatisierung in der Produktion aufgefangen werden muss. Von anderen Produktionsfirmen weiß ich, dass sie gerade auf Robotik setzen, um diese Probleme zu kompensieren. So gesehen könnte sich der aktuelle Zuzug von Flüchtlingen noch als Segen für die Zukunft Deutschlands als Wirtschaftsstandort erweisen.“

MAGAZIN: „Wo wird AEG / Electrolux in zehn Jahren stehen?“

Gerd Holl: „Aktuell ist der Geschäftsverlauf in Deutschland sehr positiv. Wir haben einen klaren Fünfjahresplan mit einem Wachstum aufgestellt, das wir uns vornehmen. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir eine stärkere Position haben und weiterhin als Innovationsfirma mit einem neuen, auch modernen Image in Deutschland tätig sein werden.“

NETZWERKKONTAKT

Logo ElectroluxGerd Holl (Vorsitzender der Geschäftsführung )
Electrolux Hausgeräte GmbH
Fürther Straße 246 | 90429 Nürnberg
Telefon 0911 / 323 – 10 06 | Fax 0911 / 323 – 49 10 06
julia.schardt@electrolux.de | www.electrolux.de

Neigenfind kleinInterview: Mathias Neigenfind
Chefredakteur Business Lounge Magazin

www.neigenfind.org
info@neigenfind.org