Kaum einer vermutet, dass der Ursprung der Dinzl Unternehmensgruppe 1851 in Wien lag. Damals gründete Robert Dinzl eine Weich-eisengießerei schon mit industrieller Fertigung. Kaiser Franz Josef verlieh 1873 dem Unternehmen anlässlich der Weltausstellung die Verdienstmedaille. Neben Einrichtungen aus Metall wurden vor allem Haushaltsgegenstände, Balancewaagen und die erste österreichische Fahrradmarke „Monarch“ gefertigt. Bis zum Ersten Weltkrieg wuchs das Unternehmen auf über 1.000 Mitarbeiter, Standorte in Budapest (Ungarn), Zagreb (Kroatien) und Arad (Rumänien) waren hinzugekommen. Mit dem Ende der Monarchie 1918 brachen einige Absatzgebiete weg, im Zweiten Weltkrieg wurde der Hauptsitz in Wien komplett zerstört. Es folgte der Neuanfang im mittelfränkischen Schillingsfürst. Heute hat das Unternehmen 260 Beschäftigte am Stammsitz sowie in Moosbach (Oberpfalz) und Sümeg (Ungarn) und erwirtschaftet einen Jahresumsatz von 32 Millionen Euro. Mit seinem Know-how und der Kompetenz in Blech- und Metallverarbeitung ist das Unternehmen Marktführer in der Branche. Immer wieder hat es sich den Marktbedürfnissen erfolgreich angepasst und seine Produktpalette erweitert. Fahrräder gibt es schon lange nicht mehr auf der Produktionsliste von Dinzl, stattdessen hat sich das Unternehmen vor allem für Gehäuse-, Ordnungs-, Lager- und Archivierungstechnik Alleinstellungsmerkmale erarbeitet und mehr als 300 Stammkunden aufgebaut. Bedeutende Aufträge waren die Einrichtung einer Bibliothek des deutschen Bundestags oder die Landesuniversitätsbibliothek in Dresden mit 160.000 Meter Ablage. Hier liegt übrigens die berühmte Gutenberg-Bibel, in einem Regal „made in Mittelfranken“. Peter Dinzl leitet die Unternehmensgruppe in vierter Generation und steht davor, es an die nächste weiterzugeben. Um das Unternehmen fit für die Zukunft zu machen, hat er gerade 6,5 Millionen Euro in einen modernen Maschinenpark investiert. Seine vor 30 Jahren getroffene Entscheidung zum Einstieg in die Blechverarbeitung ist ein entscheidender Meilenstein in der Firmengeschichte. Aber die Familiengeschichte war auch von Schicksalsschlägen geprägt. Das Business Lounge Magazin hat mit dem erfolgreichen Unternehmer gesprochen.

MAGAZIN: „Können Sie sich noch an Ihren Einstieg in das Familienunternehmen erinnern?“

Peter Dinzl

Peter Dinzl

Peter Dinzl: „Eigentlich sollte mein Bruder das Unternehmen weiterführen, doch 1961 ist er bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Ich habe dann 1964 hier eine Lehre als Industriekaufmann begonnen, die bis 1968 dauerte. Bereits in dieser Zeit musste ich erste Entscheidungen treffen, obwohl ich wegen Montage mehr unterwegs als zu Hause war. 1974 erkrankte mein Vater schwer, da habe ich die Firma übernommen. 1976 ist mein Vater dann gestorben.“

MAGAZIN: „War es denn immer Ihr Wunsch in das Familienunternehmen einzusteigen?“

Peter Dinzl: „Man ist eigentlich darauf getrimmt, dass man das macht. Ich habe das Unternehmen kontinuierlich weiter aufgebaut. Wir haben in den 1960er-Jahren für die Bundeswehr eine Million Leitwerke für Panzerfäuste produziert. Ich bin dann in die Blechproduktion eingestiegen. Die Dinzls waren eigentlich alle Ingenieure, ich bin der erste Nicht-Ingenieur. Als Kaufmann habe ich aber die Kosten im Auge, ohne dabei die Technik aus dem Blick zu verlieren. Die Ingenieure wollen ein gutes Produkt herstellen, kennen aber ihre Kosten nicht. Ein Problem, das es bis heute in vielen Unternehmen gibt.“

MAGAZIN: „Wie kamen Sie darauf, Sortimentskästen herzustellen?“

Peter Dinzl: „Eigentlich waren die Ostertag-Werke in Aalen auf uns zugekommen und haben angefragt, ob wir auch Bankschließfächer aus Blech herstellen können. Das war eigentlich das erste Geschäft mit Blechprodukten. Und aus dem hat sich das alles entwickelt. Dann habe ich Sortimentskästen und Lagerregale für die Schraubenindustrie hergestellt, für den heute größten Schraubenhändler der Welt. Mit dem bin ich groß geworden. Ich habe die Produkte selbst mit dem VW-Bus nach Künzelsau gefahren und dabei gleich den nächsten Auftrag abgeholt. Das wurde immer mehr. Ende der 1960er-Jahre haben wir dann für die VDO in Frankfurt Fahrrad- und Mopedtachometer produziert, rund 5.000 Stück am Tag. Das ging bis in die 1970er Jahre, danach haben wir begonnen Produkte in Eigenregie herzustellen.“

MAGAZIN: „Hatten Sie damals einen guten Riecher?“

Peter Dinzl: „So würde ich es nicht sagen – die Dinzls sind seit 1851 im Metallbereich tätig und können deshalb auch Sortimentskästen produzieren.“

MAGAZIN: „War es Ihre wichtigste unternehmerische Entscheidung in den Blechbereich zu gehen?“

Peter Dinzl: „Ja, ich wollte selbstständig sein und meine eigenen Produkte herstellen, um nicht immer von anderen abhängig zu sein. Elektrische Schreibmaschinen für Triumph-Adler oder die Fahrradtachometer waren reine Lohnfertigung. Die Anderen bestimmen den Preis, und sie müssen dafür produzieren. Wenn man eigene Produkte herstellt, kann man sie zu dem Preis verkaufen, den man am Markt erzielen kann. Und den Deckungsbeitrag bestimmt man auch selbst.“

MAGAZIN: „Sie haben als junger Chef begonnen. Wie schwer war der Umgang mit gestandenen Mitarbeitern, die schon unter Ihrem Vater gearbeitet haben?“

Dinzl2Peter Dinzl: „Es ist sehr schwer seine Ideen als junger Vorgesetzter gegenüber den älteren Mitarbeitern durchzusetzen. Vor allem wenn man in derselben Firma gelernt hat und dann auf einmal der Chef ist. Das hat Jahre gedauert. Hinzu kommt, dass ich als Lehrling im väterlichen Betrieb gelernt habe. Dadurch war ich mit vielen per Du. Ich bin ein strikter Gegner vom Duzen in der Firma. Das kommt heute immer stärker in den Geschäftsalltag, jeder redet den Anderen mit dem Vornamen an. Ich finde das nicht gut. Ein kleiner Abstand muss sein!“

MAGAZIN: „Es wird gern gejammert, dass Deutschland zum Produzieren zu teuer wäre. Kann man am Standort Schillingsfürst gut fertigen?“

Peter Dinzl: „Wir können in Schillingsfürst gut produzieren und haben den Vorteil, dass wir durch die Autobahnen A6 und A7 in kurzer Zeit in Frankfurt, Würzburg, Stuttgart, Nürnberg oder Ulm sind. Wir machen hier heute Teile, die ein bisschen großvolumiger sind. Blechkästen, die wir früher zu Hunderttausenden produziert haben, kaufe ich in China zu. Diese kommen zu 10.000 Stück in einem 20-Fuß-Container, da lohnt sich die Fertigung in Fernost. Wobei, wenn der Dollar noch auf 1,05 Euro runtergeht, sind wir wieder konkurrenzfähig. Wegen der immensen Frachtkosten und Einfuhrzölle ist es dann billiger, Waren hier herzustellen als aus China kommen zu lassen. Aber wir spezialisieren uns gerade weiter und stellen die Firma um. Dinzl soll ein Komplettanbieter für die Industrie werden – von A bis Z. Dafür kaufen wir zukünftig auch Handelsware zu. In den letzten 20 bis 30 Jahren waren Sortimentskästen das Hauptgeschäft, jetzt wechseln wir zu Betriebseinrichtungen und auf großvolumige Produkte wie Werkbänke, Aufbereitungswagen für Lackierer oder Regale — Dinge, von denen eben nicht viele in einen 20-Fuß-Container passen. Da wären die Frachtkosten natürlich enorm. Und als Dienstleistung bieten wir die Logistik gleich mit an. Wir produzieren, lagern und liefern direkt an den Endkunden. Dadurch sparen sich unsere Abnehmer das eigene Lager und die Transportkosten dorthin. Mit dieser Dienstleistung binden wir die Kunden. In den Logistikbereich bin ich 1991 eingestiegen. Angefangen hat auch das mit einem großen Händler für Befestigungstechnik, für den wir die Logistik übernommen haben.“

MAGAZIN: „Sie machen es richtig und arbeiten nicht nur mit dem größten sondern auch gleich mit dem zweitgrößten Schraubenhändler zusammen…“

Peter Dinzl: „…ich habe alle in Künzelsau! Es ist immer ein Spagat, aber ich beliefere keinen mit demselben Produkt.“

MAGAZIN: „War der Einstieg in die Logistik ein guter Schritt für Sie?“

Peter Dinzl: „Das ist unser zweites Standbein. Wir machen heute in der Logistik täglich 1.500 Aufträge, die an Endkunden herausgehen. Unser Vorteil ist, dass wir unser Lager so füllen können, wie es am besten in die Produktion passt. Die Logistik wird in Deutschland noch stark zunehmen, deshalb benötigen wir auch den geplanten Industriepark Interfranken am Autobahnkreuz Feuchtwangen.“

„Ich bin ein strikter Gegner des Duzens in der Firma.“

MAGAZIN: „Was halten Sie von der derzeitigen Entwicklung von Interfranken?“

Peter Dinzl: „Dass das Projekt vorerst durch einen Formfehler ins Stocken geraten ist, hätte meiner Meinung nach nicht passieren dürfen. Das haben doch hochrangige Juristen geprüft. Aber bei den Gerichten steckt man nicht drin. Ich sehe Interfranken nicht als Konkurrenz zu meinem Logistikangebot. Auch verstehe ich es nicht, wenn immer behauptet wird, dass in der Logistik nur Dumpinglöhne bezahlt würden. In der Logistik gibt es keine unterqualifizierten Arbeitsplätze, da müssen die Mitarbeiter schon was können, um eine gute Qualität zu bieten. Ich persönlich finde es auch nicht gut, dass der Landkreis die Straße jetzt nicht baut. Das Abwarten funktioniert nicht. Wenn man Unternehmen herbekommen möchte, muss ein Industriegebiet bereits fertig erschlossen sein. Was Bürgermeister Oswald Czech öffentlich gesagt hat, war sehr gut: Nur durch einzelne Privatinteressen wird die Realisierung von Interfranken unnötig in die Länge gezogen. Wir werden nie eine Universität hierher bekommen oder einen Chemiekonzern, der hochwertige Labore aufbaut. Wir brauchen die Logistik als einen Zukunftsmarkt.“

MAGAZIN: „Haben Sie Probleme, an Fachkräfte zu kommen?“

Peter Dinzl: „ Wir haben diesbezüglich bisher keine Probleme gehabt. Doch durch unsere Investitionen in einen modernen Maschinenpark benötigen wir zusätzliche Fachkräfte. Wir haben auch schon nachgedacht, uns Fachräfte aus den südlichen Ländern zu holen.“

MAGAZIN: „Wie sehen Sie das Unternehmertum heute in Deutschland?“
Peter Dinzl: „Das steht gerade vor einem großen Generationswechsel. Auch bei mir steht er an; ich bin jetzt 66 Jahre alt. Nimmt man einen Nachfolger aus der Familie oder einen externen? Einer meiner Söhne ist mit 19 Jahren auf dem Weg zur Bundeswehr als Beifahrer tödlich verunglückt, der andere hat eine IT-Firma gegründet, und meine Tochter wird gerade Ärztin. Ich habe jetzt zwei Geschäftsführer, einen für das Kaufmännische und einen für den technischen Bereich.“

Stapeltürme inklusiv Sortimentskoffern

Stapeltürme inklusiv Sortimentskoffern

MAGAZIN: „Welche Erfahrungen machen Sie mit Ausschreibungen?“

Peter Dinzl: „ Bei einem Auftrag in Stuttgart waren wir beispielsweise der günstigste Anbieter. Aber bei uns und beim zweitgünstigsten fehlte ein Formblatt, das man ohne Probleme nachreichen konnte. Aber den Auftrag hat der dritte Anbieter bekommen, der 25.000 Euro teurer war. Das ist für mich Verschwendung von Steuergeldern. Die ganzen Ausschreibungen sind heute so, Sie können soviel zwischen den Zeilen lesen und das Billigste vom Billigsten anbieten, und dann kommt man mit Nachträgen. Das ist nicht meine Einstellung, aber damit kann man auch Pech haben. Erst letzte Woche haben wir einen Auftrag verloren, bei dem wir bei einem Gesamtvolumen von 110.000 Euro nur 6 Euro zu teuer waren.“

MAGAZIN: „Wie ist Ihr persönlicher Führungsstil?“

Peter Dinzl: „Ich bin ein ruhiger Chef, der vorgibt, wie er es haben möchte. Dabei haben meine Mitarbeiter viele Freiheiten, aber es darf nicht aus dem Ruder laufen. Montags haben wir immer unsere Besprechungen, in der die ganze Woche geplant, aber auch die letzte Woche nachbesprochen wird. Ich gehe auch jeden Tag meine Runde durch das Werk und weiß genau, was läuft. Da kann mir keiner etwas vormachen. Manchmal bemängeln meine Mitarbeiter, dass ich zu wenig lobe. Ich sage es mal fränkisch: Nicht geschimpft, ist Lob genug.“

MAGAZIN: „In der Kommunikation gibt es einen sehr großen Wandel. Gehen Sie diesen Schritt mit und nutzen Sie die neuen Medien?“

Peter Dinzl: „Im Rahmen unserer Umstrukturierung planen wir gerade die Agenda 20/25. Wir werden in den nächsten zehn Jahren den Umsatz um die Hälfte erhöhen. Heute macht unser Unternehmen einen Umsatz von 32 Millionen Euro, das soll auf 45 Millionen Euro steigen. Das heißt, jedes Jahr eine Million mehr. Es ist immer schwierig zu steigern, weil jedes Jahr auch Kunden wegfallen. Diesen Verlust muss man wieder hinzu gewinnen. Wir wollen führender Betriebseinrichter mit neuen Produkten werden und dazu neue Wege gehen, auch neue Medienwege. Dazu soll ein Internetverkauf über einen eigenen Internetshop aufgebaut werden. Es wird einfach kommen, dass alles per Internet bestellt wird. Heute bestellt, morgen geliefert. Der Vergleich ist größer, ob der Außendienst noch so gebraucht wird, da gehen die Meinungen auseinander. Im Gegenzug überlegen wir bei allen Produkten, ob wir sie noch weiterhin anbieten sollen. Bleibt beispielweise der Bereich KFZ-Einrichtungen, dann müsste man ihn weiter ausbauen. Bei den Produkten ist unter dem Namen Dinzl in der Vergangenheit am wenigsten verkauft worden, weil unsere Kunden alle ihre eigene Marke haben. Das soll sich jetzt grundlegend ändern. Wir werden in den nächsten zehn Jahren den Namen Dinzl in den Vordergrund stellen.“

MAGAZIN: „Sie haben einen sehr langen Arbeitstag von 6:30 Uhr bis 18:00 Uhr. Was gibt Ihnen Kraft für den Arbeitstag?“

Peter Dinzl: „Die Kraft geben mir meine Familie und meine Frau, wenn ich nach Hause komme. Und Hobby war bis jetzt für mich die Politik.“

MAGAZIN: „Da bekommt man tatsächlich Kraft? Ich dachte die kostet Kraft!“

Peter Dinzl: „Nein, für mich war die Politik eigentlich Erholung, weil sie genau das Gegenteil von der Firma ist. Also mir hat es in den 18 Jahren in der Lokalpolitik immer Spaß gemacht. Außerdem sammle ich noch Oldtimer. Der älteste ist ein Dixi Baujahr 1931. Die meisten stehen in Dennenlohe im Museum.“

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Dinzl_FirmenlogoPeter Dinzl (Geschäftsführer)
Dinzl Unternehmensgruppe
Industriestraße 1 | 91583 Schillingsfürst
Telefon 09868 / 76 – 0 | Fax 09868 / 76 – 56
info@dinzl.de | www.dinzl.de

Neigenfind kleinInterview: Mathias Neigenfind
Chefredakteur Business Lounge Magazin

www.neigenfind.org
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