Der größte Industriearbeitgeber in der Region Ansbach ist das Bosch-Werk mit rund 2.400 Mitarbeitern. Es liefert elektronische Sicherheitssysteme für die Automobilindustrie. In fast allen Automarken der Welt sind die Systeme aus Ansbach verbaut. Im Bosch-Verbund gehört es zu den Leitwerken im internationalen Fertigungsnetzwerk. Rund 75.000 Steuergeräte verlassen täglich das Ansbacher Werk. Das MAGAZIN hat mit dem kaufmännischen Werkleiter Steffen Dick über die Produktion in Deutschland und die Herausforderungen der Zukunft gesprochen. 

MAGAZIN: „Es wird immer gejammert, dass man in Deutschland nicht erfolgreich produzieren kann. Bosch produziert aber mit Erfolg in Ansbach — was machen Sie anders als andere Unternehmen?“

44Steffen Dick: „Das Lohnniveau in Deutschland ist natürlich ganz anders als in vielen anderen Ländern, insbesondere in Südeuropa, China oder Indien. Wettbewerbsfähig bleiben wir zum einen nur, weil unsere Arbeitsplätze immer qualifizierter werden. Das heißt, wir investieren stark in Automatisierung und brauchen Fachleute, die diese Maschinen bedienen können. Dafür investieren wir in die Weiterentwicklung der Mitarbeiter. Desweiteren stellen wir komplexe Produkte her, die einen hohen Qualitätsanspruch haben. Die Produkte aus Ansbach sind sicherheitsrelevant; Airbag, ABS und ESP retten Leben. Aber dafür ist ein immenser Prüfaufwand erforderlich, der fundiertes Mitarbeiter-Know-how voraussetzt. Wir merken, wenn wir mit unseren Tochterwerken in Mexiko oder in China diskutieren, wie groß der Aufwand ist, diese Qualität zu bieten. Der Know-how-Aufbau dauert Jahre. Da haben wir in Ansbach einen Vorsprung, und den müssen wir nutzen. Dazu gehören auch eine flexible Mannschaft und weniger Bürokratie. Das ist manchmal nicht einfach, aber hier am Standort gibt es einen gemeinsamen Geist, der uns hilft, viele Hindernisse intern relativ schnell zu regeln. Vielleicht ist das auch der entscheidende Vorteil gegenüber anderen Werken. Eines steht fest: Wenn die Produkte aus Ansbach bei Kosten und Qualität nicht wettbewerbsfähig wären, täten wir uns schwer, die Produktion hier zu halten.“

MAGAZIN: „Bosch kombiniert deutsche Standorte mit Billiglohnländern. Gehört das zu Ihren Stärken?“

Steffen Dick: „Wir können das gut kombinieren, wobei es da nicht nur um die billige Produktion geht, sondern auch um ‚local for local‘. Das heißt, dass unsere Kunden in Amerika und China innerhalb ihrer Märkte beliefert werden wollen. Wir in Ansbach haben aber auch das Know-how, dort vor Ort Fertigungskonzepte aufzubauen.“

MAGAZIN: „Wie muss man die Automobilbranche einschätzen?“

44bSteffen Dick: „Airbag- und ABS-Steuergeräte sind keine kurzlebigen Produkte. Wenn zum Beispiel ein ABS in einen Golf VI von uns eingebaut wurde, dann wird das während der Laufzeit auch nicht mehr geändert. Ein ausgereiftes Produkt wird vielleicht auch noch in einen Golf VII eingebaut und wieder nicht ausgetauscht. Nicht mit jedem Modellwechsel werden auch Motor oder Elektronik verändert. Oft ist es nur ein Karosseriewechsel. Bei der Automobilindus-trie sind die Zyklen im Verhältnis zu einem Mobiltelefon definitiv deutlich länger. Aber auch die Anforderungen sind ganz anders. Bei einem Auto müssen Sie immer sicherstellen, dass das Gerät zwischen -30 und +60 Grad funktioniert, dass es morgens im Winter nicht funktioniert akzeptiert keiner bei einem Auto, das 20.000 Euro und mehr kostet. Dadurch sind umfangreiche Tests und Vorläufe nötig, die Zeit kosten. 100 Crashtests sind kostenspielig und aufwändig, deshalb laufen die Produkte auch länger.

MAGAZIN: „2009 gab es in der Automotivebranche eine große Krise. Das Werk Ansbach hat eine Vereinbarung mit den Mitarbeitern getroffen, dass keiner entlassen wird. Wie haben Sie das damals geschafft?“

Steffen Dick: „Bosch hat den Anspruch, in einer Krise keine Mitarbeiter zu entlassen. Dafür haben wir in Ansbach eine Standort- und Beschäftigungssicherungsvereinbarung zwischen Belegschaft und Management abgeschlossen. Mitarbeiter und Management haben dafür Einschnitte hinnehmen müssen, aber auch ihren Arbeitsplatz gesichert. Ende 2009 war eine schwierige Zeit für uns, aber Anfang 2010 hat sich das zu einem großen Vorteil gedreht. Diese Mannschaft stand bereit, und wir waren in der Lage, schnell wieder hochzufahren. Es folgte eine sehr hektische Zeit, die wir nur mit unserer extrem professionellen Logistikabteilung hinbekommen haben. Es gab erhebliche Lieferengpässe bei den Bauteilen, und so ein Airbag- oder ABS-Steuergerät hat eine Menge Teile. Es darf aber kein Teil fehlen, sonst können Sie nicht produzieren.“

MAGAZIN: „Schweißt das nicht zusammen?“

Steffen Dick: „Auf jeden Fall. Außerdem gibt es bei uns den sogenannten Ansbacher Geist. Der war schon vorher da und ist es noch immer. Die Kolleginnen und Kollegen, die durch diese Phase gegangen sind, haben viel für ihr weiteres Berufsleben gelernt. Durch unser Engagement hat kein Band bei einem Automobilkunden, etwa in Dingolfing oder Wolfsburg, stillgestanden. Dafür haben wir manche Teile auch mit dem Helikopter eingeflogen. Das haben wir zusammen gut hinbekommen. Wie viel graue Haare und Adrenalin das gekostet hat, ist eine andere Sache.“

MAGAZIN: „Bosch gilt als sozialer Arbeitgeber. Warum engagieren Sie sich in diesem Bereich?“

Steffen Dick: „Das hat mit unserem Firmengründer und seinem Vermächtnis zu tun, aber auch damit, dass wir eine Stiftung haben und nicht börsennotiert sind. Wir achten insbesondere aber darauf, die Bedürfnisse aller Stakeholder zu berücksichtigen. Aber wir müssen auch Geld mit unserem Geschäft verdienen und auch wachsen, um nachhaltig im Wettbewerb bestehen zu können. Nur ein profitables Unternehmen kann wieder in soziale Dinge reinvestieren, wie z. B. in die Stiftung.“

MAGAZIN: „Wenn es um Auszubildende und Fachkräfte geht haben Sie noch keine großen Probleme?“

44cSteffen Dick: „Auch wir merken, dass es weniger Bewerbungen gibt und damit weniger Auswahl. Ich verstehe die Sorgen aber nicht. Das liegt vielleicht daran, dass ich selber länger im Ausland war. Ich bin der Meinung, das kann sich europäisch lösen. Im Süden Europas gibt es viele hochintelligente, gut ausgebildete, junge Menschen. Die haben oft keine gute berufliche Perspektive in ihrem Land. Die muss man holen, denn die sind hochinteressiert. Natürlich ist das nicht ganz einfach. Anfangs können sie nur Englisch und man muss Aufbauhilfe geben, auch kulturell. Ich bin aber sicher, dass sich dann jeglicher Fachkräftemangel in Europa in Kürze lösen lässt.“

MAGAZIN: „Welche Erfahrungen haben Sie im Ausland gesammelt?“

Steffen Dick: „Ich war vier Jahre mit meiner Familie für Bosch in Portugal. Das war ein großer Wissenszuwachs, besonders für meine Töchter. Wir haben auch die Kultur des Landes kennen und schätzen gelernt. Uns ist das Land sehr ans Herz gewachsen. Dann tut es doppelt weh, wenn man jetzt die Probleme dort erlebt. Gerade die jungen Menschen bei uns wissen oft gar nicht, was sie für Privilegien haben. Ich werde nicht müde zu sagen, dass man auch mal über den Tellerrand gucken muss. Im ersten Lehrjahr verdient ein Auszubildender bei uns laut IG-Metall Tarif 895 Euro. In Portugal verdient ein Familienvater, der seit 20 Jahren an der Linie arbeitet 600 Euro. Uns geht es schon ganz gut. Jammern auf hohem Niveau ist eine Stärke der Deutschen, damit sollten wir aufhören.“

MAGAZIN: „Wie ist ihr persönlicher Führungsstil?“

Steffen Dick: „Ich würde meinen Führungsstil als kooperativ bezeichnen. Meine Tür ist grundsätzlich offen für alle Mitarbeiter. Ich verstehe mich eher, Mitarbeiter zu befähigen und Freiraum für unternehmerisches Denken und Handeln zu geben. Das ist wichtig und führt zu guten Leistungen. Ich bin auch nicht der Meinung, dass ich alles am Besten kann. Das wäre gerade in der heutigen Zeit, wo Dinge immer komplexer werden, vermessen, insofern ist für mich auch Teamarbeit wichtig.“

MAGAZIN: „Ist es nicht eine Herausforderung, das alles unter einen Hut zu bringen?“

Steffen Dick: „Das ist es. Ich bin wie aber gesagt der Meinung in einer Gruppe bessere Arbeitsergebnisse zu erzielen. Besonders in gemischten Gruppen, also Männer und Frauen sowie Mitarbeiter jeden Alters und aus unterschiedlichen Kulturen. Da muss man natürlich auch zurückstecken. Das ist nicht einfach. Nichtsdestotrotz habe ich damit nur gute Erfahrungen gemacht.“

MAGAZIN: „Haben Sie das in Portugal gelernt?“

Steffen Dick: „Teilweise ja. In Portugal ist die Gesellschaft hierarchisch durchgetaktet. Mit dem kooperativen Stil, den ich in Deutschland gerne praktiziere, ist das nicht einfach. Es dauert viel länger, bis Mitarbeiter Vertrauen aufbauen. Jedes Land ist anders, und Portugal ist eines der Länder, in denen der Chef noch eine Art Patron ist.“

MAGAZIN: „Sie haben die gemischten Teams angesprochen, in denen neben Frauen und Männer auch Ältere und Jüngere zusammenarbeiten. In der Politik wird gerade diskutiert, Kollegen aus dem Ruhestand wieder in Unternehmen einzubinden. Was halten Sie davon?“

Steffen Dick: „Das ist eine gute Option, denn die Jüngeren können häufig von den Erfahrungen der Älteren profitieren. Wir haben bei Bosch die Möglichkeit, über eine Consulting-Gesellschaft auf das Know-how von Mitarbeitern zurückzugreifen, die bereits im Ruhestand sind. Aber der Wissenstransfer geht auch andersherum, gerade beim Thema IT. Deshalb sind gemischte Teams wichtig, um in diesem turbulenten Umfeld, in dem wir heute sind, optimal und erfolgreich zurechtzukommen.“

MAGAZIN: „Gab es am Anfang Vorbehalte gegen diese gemischten Teams?“

Steffen Dick: „Ja, aber das gibt sich. Ich selbst hatte Mentoren, die schon länger bei Bosch waren. Von denen habe ich sehr viel gelernt. Es ist gut, etwas von erfahrenen Mitarbeitern zu hören, auch wenn es im ersten Moment nicht so hip klingt. Da hat Bosch ein sehr gutes System.“

MAGAZIN: „Wie ist der ländliche Standort Ansbach?“

Steffen Dick: „Den Standort empfinde ich nicht als ländlich. Er ist verkehrstechnisch gut angebunden, zumindest was die Straßen angeht, und Ansbach ist Hochschulstandort, das ist für unsere Weiterentwicklung wichtig. Die Lebensbedingungen sind gut, ich bin gerne hier und fühle mich wohl. Es ist ein nettes Ambiente und ich komme mit den Menschen gut klar. Aus Sicht junger Mitarbeiter, die auch einmal etwas anderes als die Bachwoche erleben wollen, ist es in Ansbach eventuell ein bisschen zu still. Die wohnen dann vielleicht in Nürnberg und können gut zu uns pendeln, ohne dass es Stunden dauert.“

MAGAZIN: „Wo sehen Sie die Herausforderungen für die Zukunft?“

44dSteffen Dick: „Generell ist es erforderlich, dass wir in Deutschland offen für Veränderungen sind und über den Tellerrand gucken, damit wir wettbewerbsfähig bleiben. Es gibt sicherlich viele wichtige Stärken und Werte in Deutschland, die gut sind, aber wir dürfen auch nicht die anderen Länder aus den Augen verlieren. Unseren hohen Lebensstandard wollen auch die erreichen, und die nehmen relativ wenig Rücksicht auf uns und setzen uns unter Druck. Hinzu kommt, dass zum Beispiel die asiatische Bevölkerung stärker wächst und die europäische schrumpft. Europa wird in den nächsten Jahrzehnten weltweit an Bedeutung verlieren, allein demografisch. Das hat dann auch Folgen für die Märkte, denn die große Nachfrage wird dann woanders sein. In Europa können wir diese gar nicht mehr generieren, das gilt gerade für Autos.“

MAGAZIN: „Woher bekommen Sie die Kraft für einen langen Arbeitstag?“

Steffen Dick: „Die Kraft bekomme ich einmal durch meine interessante und motivierende Arbeit als Werkleiter. Es ist auch die Zukunktssicherung des Standorts, die mich antreibt. Darüber hinaus schalte ich im Urlaub und am Wochenende mit der Familie ab.“

MAGAZIN: „Was machen Sie, wenn Sie nach einem langen Arbeitstag die Bosch-Tür hinter sich schließen?“

Steffen Dick: „Ich bin ein sportlicher Typ. Nach einem langen Arbeitstag mache ich gerne ein bisschen Sport. Dann treibe ich Nordic Walking, Joggen oder Radfahren. Abends gehe ich auch gerne mal fränkisch essen.“

NETZWERKKONTAKT

Steffen Dick (kaufmännischer Werkleiter)
Robert Bosch GmbH – Werk Ansbachlogobosch
Robert-Bosch-Straße 1 | 91522 Ansbach
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anastasia.mavridis-boegelein@de.bosch.com | www.bosch.com

Neigenfind kleinInterview: Mathias Neigenfind
Chefredakteur Business Lounge Magazin

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