Die Logistik ist – nicht nur durch den wachsenden Onlinehandel – der drittgrößte Wirtschaftssektor und damit einer der größten Arbeitgeber in Deutschland. Eines der Logistikunternehmen ist die Geis Gruppe, mit einem Transport-, Logistik- und Servicenetz in Deutschland, Polen, Tschechien und der Slowakei. Die Unternehmensgruppe hat in Satteldorf (Landkreis Schwäbisch Hall) 2008 einen neuen Standort eingerichtet und hier kräftig investiert. 2013 ist eine neue Umschlagshalle mit 5.300 Quadratmeter bezogen worden, hier werden täglich 2.500 Sendungen mit knapp 1.400 Tonnen Gewicht umgeschlagen. Das Business Lounge Magazin hat mit dem Satteldorfer Standortleiter Steffen Jaugstetter über die Herausforderungen in der Logistik, den digitalen Wandel in der Branche und sein Engagement im Unternehmernetzwerk Business Lounge gesprochen.

Magazin: „Wie war Ihr Weg zur Geis Gruppe?“

Steffen Jaugstetter: „In Würzburg habe ich meine Ausbildung zum Speditionskaufmann absolviert und bin danach direkt zu Geis gekommen. Dort konnte
ich in den letzten 19 Jahren in vielen Bereichen Erfahrungen sammeln und mich weiterentwickeln. Angefangen habe ich in der Disposition, es folgten verschiedene Projekte, zum Teil mit Leitungsaufgaben. Das größte Projekt war der Aufbau des Standortes in Satteldorf. Hier sind wir heute ein extrem junges Team, der Fernverkehrsleiter, der Lagerleiter und der Speditionsleiter sind alle unter 30 Jahre alt.“

Magazin: „Wie muss man sich die Logistikbranche vorstellen?“

Steffen Jaugstetter: „Grundsätzlich muss man zwischen Logistik und Transport differenzieren. Den klassischen Transport bieten wir beispielsweise über den Standort Satteldorf an, in Feuchtwangen wickeln wir auf 8.500 Quadratmetern High-End-Logistik für Rehau ab. Im Endeffekt bereiten wir dort die komplette Fertigung der Stoßfänger vor. Mit eigenem Personal kommissionieren wir die Teile und liefern diese direkt an das Band. Grundsätzlich steht die gesamte Branche unter einem enormen Kostendruck, denn die Konkurrenz ist sehr groß. Wir setzen uns über die Qualität ab, unsere Aufgabe ist es nicht, der Billigste, sondern Qualitätsführer zu sein. Daran arbeiten wir täglich hart und investieren viel. Deshalb ist es eine große Herausforderung in den nächsten Jahren, für diese Aufgaben genügend Fachkräfte zur Verfügung zu haben. Eine weitere große Aufgabe sind die Veränderungen im B2C-Bereich, denn die Konsumenten bestellen immer mehr Waren im Internet, auch so große Waren, die kein Paketdienst mehr ausliefert. Zum Teil bestellen die Kunden diese Waren im Baumarkt, und diese wird dann direkt nach Hause geliefert. Da kommen wir ins Spiel. Gerade im Frühjahr liefern wir viel für den Garten, etwa Spieltürme, Strandkörbe, Möbel, aber auch Grills und die Kohle dazu. Der Unterschied zum B2B-Bereich ist immens, denn die Endkunden sind am Tag nicht gut zu erreichen, so dass wir verstärkt am Abend oder sehr zeitgetaktet ausliefern müssen.“

Magazin: „Decken Sie alle diese Dienstleistungen selbst ab oder arbeiten Sie in einem Netzwerk?“

„Gerade in unserer Branche ist der Praxisbezug extrem wichtig.“

Steffen Jaugstetter: „Wir arbeiten komplett in einem Verbund und sind in der Kooperation IDS tätig. Da gibt es den klassischen Stückgutbereich sowie Teil- und Komplettladungen, da bedienen wir uns auf dem freien Transportmarkt über so genannte Frachtbörsen, wobei Geis im Rahmen der Digitalisierung auch ein eigenes Programm entwickelt. Auf dieser Plattform können die Kunden ihre Teil- und Komplettladungen anmelden, die Fernverkehrsfahrer geben den Zustellstatus ein, den die Kunden über ein Tracking direkt einsehen können, ähnlich, wie beim Paketdienst. So optimieren wir unsere Transportwege.“

Magazin: „Warum organisieren einige Firmen ihren Transport noch selbst, statt ihn an einen kompetenten Logistiker wie Sie zu vergeben?“

Steffen Jaugstetter: „Das kommt immer auf die Ladung an und ist nicht immer mit uns zu vergleichen. Beispielsweise gibt es Güter, bei denen der Transport der geringste Kostenfaktor ist, so dass diese Firmen ganz anders kalkulieren. Sie benötigen deshalb auch nicht zwingend eine Rückladung, wenn sie sie bekommen ist das ‚nice to have‘. Uns tut dagegen jeder Leerkilometer weh, und wenn unser LKW von Satteldorf nach Hamburg fährt, nehmen wir idealerweise von Hamburg Ladung mit nach Köln und von Köln nach Feuchtwangen.“

Mathias Neigenfind im Gespräch mit Steffen Jaugstetter (re.)

Mathias Neigenfind im Gespräch mit Steffen Jaugstetter (re.)

Magazin: „Wie können Sie sich gegen die billige Konkurrenz aus dem Osten durchsetzen?“

Steffen Jaugstetter: „In Deutschland ist der Beruf des Fahrers nicht so attraktiv, und so ist der deutsche Transportmarkt mittlerweile von polnischen Fahrern abhängig. Das hat man in den Osterwochen gemerkt, weil gerade viele polnische Frachtführer nicht zur Verfügung standen. Wir setzen das ganze Thema Fahrer neu auf und bieten Zusatzleistungen. Im Gegensatz zu anderen Unternehmen sind unsere Fahrer unfallversichert und es gibt eine Shopping-Card für die Fahrer, auf die jeden Monat ein Betrag gutgeschrieben wird. Wir sind hier in einer Region von vielen Industrieunternehmen, dadurch sind wir zwar strategisch dicht an den Kunden, allerdings ist dadurch auch die Lohnstruktur höher als in unserer Dienstleistungsbranche üblich. Außerdem bieten wir unseren guten Azubis die Möglichkeit, sich über ein duales Studium weiterzuentwickeln. Das ist eine Kernkompetenz von Geis – die eigene Ausbildung.“

Magazin: „Nutzen Sie Unternehmernetzwerke?“

Steffen Jaugstetter: „Ich habe mir viele Kontakte aufgebaut und bin ein guter Netzwerker, das ist für mich sehr wichtig. Deshalb engagiere ich mich auch in der Business Lounge, so gute Unternehmerkontakte mache ich sonst nirgends.“

Magazin: „Woher bekommen Sie Ihre Fachkräfte?“

Steffen Jaugstetter: „Über die eigene Ausbildung. Wir bedienen uns den gleichen Möglichkeiten wie der Wettbewerb auch: Wir gehen auf Ausbildungsmessen, gehen direkt zu den Schulen und veranstalten einmal im Jahr im Rahmen des Logistiktages einen Ausbildungstag in Kooperation mit einer Schule in Crailsheim. In diesem Jahr besuchten uns 60 junge Schüler an diesem Tag und konnten die Logistik einmal live erleben. Dann ist es in meinen Augen wichtig, sich bei weichen Themen vom Wettbewerb abzuheben, etwa beim Betriebsklima. Die Mitarbeiter müssen sich bei uns einfach wohl fühlen, denn wir haben keine gewerkschaftliche 35-Stunden-Woche, sondern 41 Stunden. Deshalb bieten wir unseren Fahrern auch zusätzliche Leistungen. Außerdem haben wir noch ein eigenes Geis-Schulungsprogramm. Wir versuchen unsere Führungskräfte in allen Bereichen aus den eigenen Reihen zu gewinnen. Das beginnt bereits bei der Auswahl der Auszubildenden. Wenn diese eine sehr gute Ausbildung absolvieren, bieten wir ihnen die Möglichkeit, sich über ein duales Studium weiterzuentwickeln. Wir haben auch eigene Führungsseminare für junge Menschen, die nicht studieren möchten, sich aber in der Praxis wohlfühlen. Zu denen gehöre ich übrigens auch, ich habe kein Studium. Für mich ist es dann relativ einfach, diese zu motivieren, weil ich von meiner eigenen Karriere berichten kann. Ich habe mit 19 Jahren hier begonnen und bin mit 37 Jahren Prokurist. Im Gegensatz zu den Großen in unserer Branche ist so eine Entwicklung bei Geis noch möglich. Ich glaube, dass gerade in unserer Branche der Praxisbezug extrem wichtig ist.“

Magazin: „Wie ist Ihr Führungsstil?“

Steffen Jaugstetter: „Da versuche ich meinen eigenen Weg zu finden. Ich bin jetzt schon sehr lange im Unternehmen und habe sehr viele Verbindungen, so dass ich mir auch mal von älteren Hasen Ratschläge holen kann. Ich denke, dass es heute extrem wichtig ist, sich mit anderen Führungskräften auszutauschen und von deren Erfahrungen auch zu profitieren, gerade was das Thema Mitarbeitergewinnung oder -führung betrifft. Aber auch bei der Prozessoptimierung kann man viel dazu lernen. Grundsätzlich bin ich extrem teamorientiert, denn auch die Mitarbeiter haben sich verändert. Ich glaube nicht, dass man mit der Peitsche heute noch junge Leute motivieren kann. Wir entscheiden unsere Themen im Führungsteam, natürlich gibt es Entscheidungen, die von mir getroffen werden müssen. Wichtig ist, hinterher einen Konsens zu erreichen, um die Mitarbeiter auch mitzunehmen. Es bringt mir überhaupt nichts, wenn wir Entscheidungen treffen, bei der die Mannschaft dann nicht mitgeht. Eine Herausforderung ist auch das Thema Verantwortungsbewusstsein bei den jungen Menschen, das haben sie irgendwie ein wenig verlernt. Teilweise muss man ihnen das in sehr vielen persönlichen Gesprächen noch beibringen. Ein Großteil meiner Aufgabe ist schon Personalführung, wir haben ein wahnsinniges Wachstum in den letzten Jahren gehabt. 2008 haben wir am Standort Satteldorf mit 40 Mitarbeitern angefangen, inzwischen sind es 135 Mitarbeiter.“

Magazin: „Was halten Sie vom Mindestlohn?“

Steffen Jaugstetter: „Grundsätzlich macht er die Sache ein bisschen einfacher, weil jeder jetzt das Gleiche bezahlen muss. Das hilft uns in der Branche, um die Preise ein wenig zu heben. Wenn wir unsere Mitarbeiter nicht ordentlich bezahlen, werden wir bald keine mehr haben.“

Magazin: „Sind ausländische Arbeitskräfte eine Alternative für Sie?“

Jaugstetter2Steffen Jaugstetter: „Sie sind sogar die Basis. Gerade im Fahrerbereich stammen mittlerweile ein Großteil unserer Fahrer aus Rumänien. Ausländische Arbeitskräfte machen bei uns einen sehr hoher Anteil aus. Die sprachliche Barriere ist immer ein Thema, aber da muss man auch einmal neue Wege gehen. Wir haben inzwischen viele Arbeitsanweisungen auf Rumänisch übersetzt. Zudem verwenden wir ein neues Modell an Zustellscannern, die für die Eingabemaske die Landessprache der Fahrer verwenden. So können wir ihnen entgegen kommen und unnötige Fehler vermeiden. Grundsätzlich machen wir sehr gute Erfahrungen mit den ausländischen Mitarbeitern, denn sie kommen ja nach Deutschland, um zu arbeiten. Entsprechend groß ist ihre Motivation. Gerade bei den Fahrern ist die Krankheitsquote extrem gering. Keinen richtigen Zugang hab ich bislang noch zu dem Thema Asylbewerber, wo und wie wir sie für unsere Arbeit gewinnen können. Durch den Fachkräftemangel werden wir sie irgendwann benötigen.“

Magazin: „Was machen sie besser als die Konkurrenz?“

Steffen Jaugstetter: „Wir versuchen proaktiv näher am Kunden zu sein. Gerade im Servicefall wollen wir das entscheidende Stück besser sein als der Wettbewerb. Bei Geis gibt es ein hohes Maß an persönlichem Engagement, und die Firmengruppe ist insgesamt finanziell solide aufgestellt.“

Magazin: „Wie wichtig ist es für Sie, mehr Daten zu generieren, sich noch besser zu vernetzen, um zu wissen wann wo was ist?“

Steffen Jaugstetter: „Sehr wichtig, deshalb führen wir Ende des Jahres an unserem Standort einen aktiven Service ein. Das ist eine Art künstliche Intelligenz bei den Sendungen. Diese überprüfen ihren Status über gewisse Algorithmen selbst, und wenn irgendetwas vom Standardprozess abweicht, wird unser Servicemitarbeiter automatisch angestoßen, sich um diese Sendung zu kümmern. Die Digitalisierung wird für uns immer wichtiger. Mittlerweile haben wir in der zentralen IT über 60 Mitarbeiter beschäftigt, die Bestandssoftware mit Geis-eigenen Applikationen perfektionieren. Fahren kann jeder, aber die komplexe Datenverarbeitung im Hintergrund macht den Unterschied.“

Magazin: „Wie werden sich die Transporte in der Zukunft verändern?“

Steffen Jaugstetter: „Es gibt gerade bei den Start-Up-Unternehmen viele, die im Bereich Laderaumoptimierung arbeiten, und darum geht es in Zukunft. Allein durch den Personalmangel im Fahrerbereich muss der Laderaum effektiver genutzt werden.“

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Neigenfind kleinInterview: Mathias Neigenfind
Chefredakteur Business Lounge Magazin

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