Seit 1964 war in Deutschland der Markt für Fernbusse beschränkt, per Gesetz wurde er 2013 geöffnet. MeinFernbus FlixBus ist ein Zusammenschluss zweier Start-Ups, die heute einen Marktanteil von 78 Prozent haben. Einer der Geschäftsführer ist der 32-jährige Daniel Krauss. Er hat in Ansbach Wirtschaftsinformatik studiert und 2011 zusammen mit André Schwämmlein und Jochen Engert Flixbus in der bayerischen Landeshauptstadt München gegründet. Heute bietet das Unternehmen täglich 10.000 Verbindungen zwischen Groß- und Mittelstädten. 700 Busse in knalligem Grün sind alleine in Deutschland unterwegs. Durch 15 Länder in Europa rollen die Fernbusse mittlerweile. Was das Unternehmen von anderen unterscheidet? Es hat keine eigenen Busse, sondern arbeitet mit mittelständischen Busunternehmen in Deutschland, Italien, Österreich, Belgien, der Schweiz und den Niederlanden zusammen. Flixbus kümmert sich selbst vor allem um die Vermarktung, besonders im Internet. In den Bussen gibt es kostenloses WLAN, Infotainment, Steckdosen für Smartphones und ein Programm informiert die Fahrgäste über Verspätungen. Diese Innovationen bringen den Wettbewerbsvorteil.

25 Jahre Microsoft Office und Office21, Roundtable und Dinner imMAGAZIN: „Wie kommt man zu so einem großen Fernbusunternehmen?“

Daniel Kraus: „Das war letztlich Zufall, denn eigentlich habe ich mit Bussen überhaupt nichts zu tun. Nach meinem Studium der Wirtschaftsinformatik habe ich zuerst in der Softwarebranche gearbeitet, zuletzt bei Microsoft. Mit Kollegen wollte ich unbedingt ein Unternehmen gründen, und wir haben verschiedene Modelle durchdiskutiert. Dabei sind wir zufällig über den Koalitionsvertrag gestolpert und haben überlegt, dass man schnell und clever sein muss, wenn dort ein Markt liberalisiert wird.“

„Wir haben nicht mehr den Drang, etwas zu besitzen.“

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Zum Erfolgsrezept gehört auch eine bedienerfreundliche Buchungsmöglichkeit per Smartphone

MAGAZIN: „Ihr Geschäftsmodell beruht darauf, gar keine eigenen Busse zu besitzen, sondern mit mittelständischen Busunternehmen zusammenzuarbeiten. Wie funktioniert das?“

Daniel Kraus: „MeinFernbus FlixBus ist ein Stück weit die Dachorganisation und kümmert sich um die Planung und die Ausgestaltung der Fahrpläne, -routen und Preise. Wir kümmern uns auch um die Vermarktung, um das Marketing, um die Vertriebsplattformen, um Vertriebspartnerschaften und um den Service. Fahrzeuge und Fahrer haben wir nicht, denn wir sind überzeugt, dass die vielen deutschen mittelständischen Busunternehmen das Busfahren besser beherrschen als wir und eine gute Qualität liefern. Sie haben die Fahrer, Fahrzeuge und Betriebshöfe. Warum sollen wir nicht mit so einem starken mittelständigen Netzwerk zusammenarbeiten und unsere Stärken gegenseitig anreichern, um daraus eine schlagkräftige Truppe zu formen? Die gesamte Flotte, die wir aktuell in Deutschland bewegen, hat einen Investitionswert von einer viertel Milliarde Euro, und da ist es doch gut, wenn man das auf mehrere Schultern verteilen kann. Wir haben nicht mehr den Drang etwas zu besitzen, und es kann durchaus sein, dass das eine Generationsfrage ist. Das spiegelt sich aber auch bei unseren Kunden wieder, denn wir sind auch so erfolgreich, weil es nicht mehr
so relevant ist, ein Auto zu besitzen. Mobilität ist sehr wichtig, aber nicht mehr der Besitz als solches.“

MAGAZIN: „War es deshalb leichter, Ihren Unternehmensstart zu finanzieren?“

Daniel Kraus: „Wir sind nicht fremdkapitalfinanziert, sondern haben im Laufe des Wachstums Investoren hinzugenommen. Dazu muss man ein tragfähiges Geschäftsmodell vorweisen. Ich glaube, Banken und deren Geschäftsmodelle lassen so etwas gar nicht zu, weil wir eben kein Access in der Bilanz haben. Da muss man sich alternative Geschäftsmodelle überlegen.“

MAGAZIN: „Was machen Sie besser als die Konkurrenz?“

Daniel Kraus: „Durch unsere günstigen Preise erreichen wir eine bestimmte Klientel, vor allem junge Menschen. Die muss ich gezielt ansprechen, und dazu nutzt es mir nichts, wenn ich wie die Deutsche Post in den Filialen gelbe Busse aufstelle oder wenn ich in Städten plakatiere, sondern ich muss im Online-Marketing sehr gut sein. Dazu gehören heutzutage Google, Facebook usw. Das machen wir sehr, sehr viel besser als die großen Konzerne, denn für die ist das immer noch ein Stück Neuland. Wichtig ist aber auch der Ticketkauf. Wir waren das erste Unternehmen in der Branche mit einer App, und unser Buchungsprozess ist sehr intuitiv. Solche Dinge machen wir einfach besser als die großen Konzerne. Wir sind grundsätzlich einfach schneller, weil wir schlanker sind und kürzere Entscheidungswege haben.“

Die FlixBus-Gründer André Schwämmlein, Daniel Krauss und Jochen Engert (v.l.)

Die FlixBus-Gründer André Schwämmlein, Daniel Krauss und Jochen Engert (v.l.)

MAGAZIN: „Sie haben vor allem jüngere Kunden – ist das nicht eine Klientel ohne Geld?“

Daniel Kraus: „Das ist nicht richtig. Wir haben nahezu Vollbeschäftigung in Bayerrn, und auch die jüngeren Menschen haben Geld. Sie haben vielleicht kein Geld für eine gehobene Limousine, aber sie haben Geld um ihr Leben zu gestalten. Und im Gegensatz zu früher ist es den Menschen heute sehr wichtig, ihr Leben aktiv zu gestalten, dazu gehören Reisen, Freizeit, Selbstverwirklichung und die Lebenserfüllung. Das beste Beispiel hierfür ist doch Apple: Ein Telefon für 700 Euro – um Gottes Willen, und die campen auch noch vor dem Laden und stehen Schlange.“

MAGAZIN: „Wo wird MeinFernbus FlixBus in zehn Jahren sein?“

Daniel Kraus: „Ich bin fest davon überzeugt, dass wir in zehn Jahren der europäische Marktführer im Fernbusgeschäft sein werden. Ich glaube fest daran, dass wir es auch schaffen, dauerhaft als beliebte Marke wahrgenommen zu werden, weil wir gut auf unsere Kunden eingehen.“

MAGAZIN: „Zehn Prozent Ihrer Mitarbeiter arbeiten in der IT – sind das nicht verhältnismäßig viele?“

Daniel Kraus: „Das mag nach außen nicht so wirken, aber wir sind zum großen Teil ein Technologieunternehmen, denn diese Innovationskraft macht einen großen Teil des Erfolgs aus. Wir verbinden ein altes Geschäftsmodell – klassisches Busfahren – mit den neuen Möglichkeiten der IT. Heutzutage sind den Menschen iPhone und iPad wichtiger als ein Fahrzeug. Das ist die Realität, und das muss ich anerkennen. Deshalb muss ich versuchen, auf diesen Kanälen die Menschen anzusprechen. Und in ein paar Jahren sind diese Menschen gar nicht mehr so jung. Wir merken jetzt schon, wie sozusagen neben den jungen Leuten noch eine zweite Kundengruppe mit älteren Semesters entsteht.“

MAGAZIN: „Haben Sie Schwierigkeiten Fachkräfte zu bekommen?“

Daniel Kraus: „Ich könnte morgen 50 Prozent mehr Leute beschäftigen. Das ist aber nicht möglich, weil es nicht genügend IT-qualifizierte Menschen auf dem Markt gibt. Deshalb haben wir mittlerweile ein sehr internationales Team, in Berlin stammen gut ein Drittel der Kollegen aus der Ukraine, Indien oder Pakistan. Menschen mit Bluecard nehme ich mit Handkuss, sonst kann ich unser Wachstum einfach nicht vorantreiben.“

MAGAZIN: „Wie sieht Ihr Alltag aus?“

Daniel Kraus: „Ich spreche sehr, sehr viel mit meinen Kollegen und unseren Mitarbeitern. Da sie noch sehr jung sind, ist diese Unternehmenskultur sehr wichtig. Ich versuche eine Umgebung zu schaffen, die motivierend ist und einen Wohlfühlfaktor hat, und deswegen bin ich im Unternehmen viel unterwegs. Am Abend mache ich dann meine eigentliche Arbeit und sitze am Schreibtisch. Mit der klassischen 35-Stunden-Woche ist es bei mir nicht getan – eher mit dem Doppelten oder mehr.“

KG8_6828MAGAZIN: „Wie ist Ihr Führungsstil?“

Daniel Kraus: „Ich bin sicher kein klassischer Autokrat. Generell ist der Umgang sehr jugendlich, das heißt wir duzen uns alle und wir tragen Jeans. Es gibt einen Kicker, eine Spielekonsole, Obst – der Wohlfühlfaktor wird tatsächlich sehr groß geschrieben, damit die Kreativität und Innovationskraft entstehen kann. Meinen Führungsstil kann man nicht komplett auf das ganze Unternehmen abbilden, da wir fünf Geschäftsführer haben und jeder seinen eigenen Stil hat. Ich setze sehr stark auf Vertrauen, sehe mich eher als Coach und versuche zu überzeugen. Jeder Mitarbeiter hat die Freiheit etwas auszuprobieren, Fehler können passieren, aber nur einmal. Wenn etwas schief geht, ist das kein Problem: Einfach wieder aufstehen und sich schütteln.“

MAGAZIN: „Ist der Standort Deutschland ein guter Standort?“

Daniel Kraus: „Ja, definitiv. Durch den Föderalismus und die Politik ist einiges sehr zäh und verkrustet, es gibt aber sehr viele Möglichkeiten. Wir haben einen sehr hohen Ausbildungsstandard, eine gute Infrastruktur und ich glaube, es gibt weltweit wahrscheinlich keine fünf Länder, die in meinen Augen ein ähnlich guter Standort sind wie Deutschland.“

MAGAZIN: „Was halten Sie von der Politik?“

Daniel Kraus: „Ich würde erwarten, dass Innovation, Gründerkultur und junge Unternehmen noch mehr gefördert werden. Auch die Finanzierungsmöglichkeiten müssten noch etwas besser werden, nicht nur in München und Berlin. Politische Themen wie Steuerreform oder aktuell die Flüchtlingsdebatte sollten im Sinne der Zukunft unserer Landes einfach pragmatisch sinnvoll angegangen werden. Wir sind eine alternde Gesellschaft und ich kann nicht immer auf den eingefahrenen Gesetzen herumreiten. Von einem toten Pferd muss man irgendwann absteigen, und deshalb wünsche ich mir, dass die Erkenntnis erst einmal reift und dann entsprechend entschieden wird.“

MAGAZIN: „Was bringt Sie auf die Palme?“

Daniel Kraus: „Unbelehrbare Menschen mit Vorurteilen bringen mich auf die Palme — und wenn jemand mein Vertrauen missbraucht, das er zuerst immer bekommt.“

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Flixbus LogoDaniel Krauss (Geschäftsführer)
Flixbus GmbH
Sandstraße 3 | 80335 München
Telefon 089 / 235 135 – 0
info@flixbus.de | www.flixbus.de

Neigenfind kleinInterview: Mathias Neigenfind
Chefredakteur Business Lounge Magazin

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