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Ist das die Zukunft? Eine Paketdrohne beliefert an der Nordseeküste im Linienbetrieb eine Apotheke auf der Insel Juist; Im mehrmonatigen Feldversuch lotet DHL aus, was künftig machbar ist

Lohnen sich Paketdrohnen? Eine Momentaufnahme und ein Blick in die Zukunft der Logistik, denn diese ist weltweit überall: 365 Tage im Jahr und 24 Stunden rund um die Uhr. In der ständig steigenden Globalisierung spielt der Warenverkehr eine wichtige Rolle. Gleichzeit ist dieser Sektor enormen Einflüssen und Veränderungen ausgesetzt. Es gibt einen starken Trend zur Lokalisierung von Vorproduktion und Zulieferung, denn oftmals zeigt sich, dass weit entfernte Low-Cost-Zulieferer doch nicht so günstig sind. Die Logistikbranche ist in Deutschland der drittgrößte Wirtschaftssektor und auch für die Region spielt diese Branche eine wichtige Rolle; allein 13.683 Menschen aus dem westlichen Mittelfranken arbeiten hier.

Der Begriff Logistik kommt aus dem Altgriechischen und stand in der Antike ursprünglich für „praktische Rechenkunst“. Napoleon erkannte während seiner Feldzüge, wie wichtig eine perfekt funktionierende Logistik ist, auch wenn er die Schlacht dennoch verlor. Aber der kleine Franzose baute auf die Verwaltung, Lagerung und den Transport der Güter, die er für seine Kriege benötigte. Heute ist die Logistik natürlich schon lange nicht mehr nur ein Thema des Militärwesens, sondern strahlt in alle Wirtschaftsbereiche – und Logistik ist ein Bereich, der sich ständig verändert. Das Business Lounge Magazin hat mit Prof. Dr.-Ing. Evi Hartmann, Inhaberin des Lehrstuhls für Supply Chain Management an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU), über Projekte, Herausforderungen und die Zukunft der Logistik gesprochen. Die Wirtschaftsingenieurin arbeitete sieben Jahre für die renommierte Unternehmensberatung A.T. Kearney und erhielt im Jahr 2005 eine Juniorprofessur im Einkauf am Supply Chain Management Institute an der European Business School (EBS). Seit 2009 leitet Evi Hartmann den Lehrstuhl an der FAU.

MAGAZIN: „Wie teilt sich das Feld der Logistik auf?“

Evi Hartmann

Prof. Dr. Evi Hartmann

Evi Hartmann: „Logistik wird oft als Motor der Globalisierung bezeichnet. Sie ist sozusagen der weltweite Universal-Lieferdienst und damit ein zentrales Element des globalen Supply Chain Managements, im Deutschen Lieferkettenmanagement oder auch Wertschöpfungslehre genannt. Dass wir heute Getriebeteile aus Malaysia und Joggingschuhe aus Bangladesch per Knopfdruck ordern können, macht ein modernes und effizientes Supply Chain Management möglich durch die unternehmens-, branchen- und länderübergreifende Integration einer Unzahl von Produkt-, Informations- und Finanzströmen von den Lieferanten bis zum Endkunden. Der Teilbereich Logistik umfasst dabei die systematische Planung, Steuerung und Kontrolle von Material- und den dazugehörigen Informationsflüssen. Innerhalb eines Unternehmens kann hinsichtlich Beschaffungs-, Produktions-, Distributions- und Entsorgungslogistik unterschieden werden.“

MAGAZIN: „Wie ist Mittelfranken logistisch aufgestellt?“

Evi Hartmann: „In einem Wort: exzellent. Und zwar nicht nur wegen der hervorragenden verkehrstechnischen Anbindung mit vier zentralen Autobahnachsen, dem Main-Donau-Kanal, einem internationalen Flughafen ohne Nachtflugverbot und der Anbindung ans transeuropäische Schienennetz. Das liegt vor allem am insgesamt überragenden Infrastrukturangebot: Der Binnenhafen Nürnberg zum Beispiel ist das größte multimodale Verkehrs- und Logistikzentrum Süddeutschlands. Nicht ohne Grund ist der Logistiksektor der drittgrößte Arbeitgeber in der Metropolregion Nürnberg. Hinzu kommen Standortvorteile wie die zentrale Lage in Europa, die Nähe zu den osteuropäischen Märkten und vor allem ein großer Kompetenzvorteil und Fachkräftebonus: Wir sind Heimat für drei Universitäten und sechs Fachhochschulen mit logistischen Studieninhalten sowie für vier Forschungsinstitute mit Logistik als Kernkompetenz.“

MAGAZIN: „Wo geht es hin mit der Logistik in Zukunft? Was sind die Herausforderungen?“

Evi Hartmann: „Das Topmanagement wird künftig noch stärker als heute schon das Supply Chain Management als elementare strategische Kernkompetenz im globalen Wettbewerb erkennen: Nicht mehr das bessere Produkt gewinnt, sondern die bessere Supply Chain. Diese Erkenntnis wird sich umso schneller durchsetzen, je stärker die internationalen Netzwerke der Wertschöpfung erschüttert werden durch Tsunamis, Streiks, Vulkanausbrüche, Finanzkrisen und daraus hervorgehende Insolvenzen, regionale militärische Konflikte und so weiter. In einer immer disruptiveren Welt wird die Logistik immer größere Kompetenz im Supply Chain Risk Management aufbauen müssen, um den Lieferketten die nötige Resilienz zu verleihen. Diese Resilienz erhält im ‚War for Talents‘ besondere Brisanz: Die Supply Chain ist ja im Grunde eine ‚Menschenkette‘ – doch kompetente Mitarbeiter und Manager werden weltweit immer knapper, während die Anforderungen an die Unternehmen immer schärfer werden. Hier erwächst der Branche rasant eine der zentralen Herausforderungen der Zukunft. Zwar profitiert auch die Logistik in Zukunft von der Digitalisierung der Welt und dem Cloud Computing – doch nur dann, wenn sie genug Fachleute rekrutieren und weiterbilden kann, die Big Data dazu benutzen können, die Transparenz in den Netzwerken zu erhöhen. Was in Zukunft ganz sicher ebenfalls zunehmen wird, ist der Regulierungsdruck von Regierungen und Konsumenten. Immer deutlicher wird zum Beispiel, dass der Carbon Footprint nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. In Zukunft wird der stark erweiterte Ökologische Fußabdruck entscheiden, der Auskunft nicht nur über das freigesetzte Kohlendioxid, sondern über sämtliche emittierten Schadstoffe und verbrauchten Ressourcen gibt. Wegen der anhaltenden Globalisierung und Urbanisierung wird künftig auch das internationale Transportaufkommen weiter steigen. Zwar nicht um jährlich den Faktor zwei im Vergleich zur Weltwirtschaft wie noch vor einigen Jahren. Aber doch mit so starkem Wachstum, dass es auch und gerade in Industrienationen wie Deutschland zu heftigen Infrastrukturengpässen und einem erdrückenden Investitionsstau kommen wird. Gleichzeitig zeigt eine aktuelle Studie des FAU-Lehrstuhls für Supply Chain Management einen deutlichen Trend zum sogenannten Nearshoring, zu weltweit intensivierten Lokalisierungsbestrebungen: Produzenten lassen ihre Vorprodukte und Materialien nicht mehr so umfänglich wie früher aus der ganzen Welt anliefern, sondern wählen lokale Lieferanten im Umkreis ihrer Standorte aus. Zunehmend stellt sich unter Betrachtung der Total Cost of Ownership nämlich heraus, dass weit entfernte Low-Cost-Zulieferer doch nicht so günstig sind wie ihr Preis suggeriert. Und natürlich wird der eCommerce künftig weiter stark wachsen. In den letzten Jahren nahm er jährlich mit zehn Prozent und mehr zu. Prognosen gehen davon aus, dass diese Steigerung konstant bleibt oder sogar noch zunimmt. Das heißt: Das Transportvolumen wechselt noch stärker als heute schon von der traditionellen Handelslogistik zum Paketdienst.“

MAGAZIN: „Was lehren Sie Ihren Studenten?“

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Automatisierte Logistikprozesse: Am 5.500 Meter langen EDV-gesteuerten Hochregallager der Pilipp Vertriebsgesellschaft in Ansbach fahren auf Induktionsbahnen Bühnen, die sich automatisch Holzplatten holen und einen 40t-LKW innerhalb von 20 Minuten nach Tourplan beladen

Evi Hartmann: „Wir lehren sie, die mittlerweile sehr imposanten, komplexen und dynamischen globalen Wertschöpfungsnetzwerke zu entwerfen, zu verändern, zu steuern und so zu nutzen, dass Kunden, Umwelt, Lieferanten und Shareholder alle etwas davon haben. Wir lehren sie, die richtigen Entscheidungen zu treffen: Lohnen sich zum Beispiel Paket-Drohnen? Um das zu entscheiden, muss man sich im strategischen Supply Chain Management auskennen. Wer sich darin auskennt, kann auch die Frage beantworten: Welche unserer Logistikprozesse könnten noch schneller, einfacher, kundenorientierter ablaufen und vor allem wie? In der Transport- und Distributionslogistik lernen unsere Studierenden, wie man Güter und Materialien rechtzeitig und kostengünstig dahin bringt, wo sie gebraucht werden. Hinzu kommen Kompetenzen in Beschaffungs- und Lieferantenmanagement, Produktions- und Bestandsmanagement. Und wenn ein Studierender vorhat, in allen diesen Fragen künftig auch andere Unternehmen zu beraten, kann er sich das dafür nötige Wissen im Logistik Consulting aneignen. Der Vorteil einer so intensiven akademischen Ausbildung: Ganz gleich an welcher Stelle in den globalen Supply Chains Sie einen Absolventen auch einsetzen – er kann und wird seinen Erfolgsbeitrag leisten.“

MAGAZIN: „Wo liegen die späteren Arbeitsfelder?“

Evi Hartmann: „Im Grunde an allen erdenklichen Stellen der internationalen Supply Chain Netzwerke. Meist fängt ein Absolvent im strategischen oder operativen Einkauf an, in Logistik, Lieferantenmanagement, Netzwerkplanung, Produktionslogistik, Fertigung oder Qualitätsmanagement. Aber mit der Zeit können er oder sie es bis zum CPO, COO, Chief Supply Chain Officer oder Logistikleiter bringen. Viele steigen auch bei den Strategiestäben der Unternehmen ein oder bei Beratungsunternehmen: Gut ausgebildete Supply Chain Manager sind derzeit überall gesucht.“

MAGAZIN: „Welche Projekte führen Sie konkret mit Unternehmen durch?“

Evi Hartmann: „Es laufen immer eine Menge Projekte, die mit der notwendigen Diskretion behandelt werden, denn mit solchen Projekten verschaffen sich Unternehmen oft entscheidende Wettbewerbsvorteile. Unsere wissenschaftliche Unterstützung reicht dabei vom sogenannten Project Accelerator, der zwischen drei Monaten und einem Jahr läuft, bis hin zum mehrjährigen Competence Center. Daneben kann sich praktisch jedes Unternehmen ins sogenannte Student Consulting einklinken. In diesem Programm unterstützen Studierende die Praxis unter Federführung unserer wissenschaftlichen Mitarbeiter. Und selbstverständlich bearbeiten und lösen viele unserer Abschlussarbeiten ein konkretes Praxisproblem. Das hilft nicht nur den Unternehmen. Das ist im Sinne eines modernen Personalmarketings auch ein gutes Karrieresprungbrett für unsere Absolventinnen und Absolventen.“

NETZWERKKONTAKT

FAU_LogoNetzwerkkontakt:
Niklas Gareis, M.SC.
Wissenschaftlicher Mitarbeiter / Doktorand
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Chair of Supply Chain Management
Prof. Dr.-Ing. Evi Hartmann
Lange Gasse 20 | 90403 Nürnberg
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